„Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen: Das ist der Kern dessen, was wir zu sagen haben.“
— Primo Levi, Auschwitz-Überlebender

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Schicksale jüdischer Familien aus Birkenfeld und Hoppstädten-Weiersbach (NS-Zeit)

Erinnerung an Nachbarn, deren Geschichten nicht enden dürfen

Über Jahrhunderte lebten jüdische Familien in Birkenfeld und in den umliegenden Dörfern der heutigen Verbandsgemeinde Birkenfeld. Sie gründeten hier Geschäfte, arbeiteten in Handwerk und Handel, engagierten sich in Vereinen und prägten das soziale Leben mit.
Für viele war Birkenfeld Heimat – und zwar in ganz selbstverständlichem Sinn: Man grüßte sich auf der Straße, kannte sich beim Namen, erzählte sich Neuigkeiten an der Haustür.

Dann kam die Zeit, in der man sie nicht mehr als Nachbarn sehen wollte.
Erst die Ausgrenzung, dann die Entrechtung – und schließlich die Deportationen.
Die nationalsozialistische Verfolgung zerstörte Familien, riss Lebensläufe auseinander und löschte vieles von dem aus, was hier über Generationen aufgebaut worden war.

Wenn wir heute über jüdische Familien wie Senator, Schiffmann, Stern, Ackermann, Löb und andere sprechen, geht es nicht um Namen in Archiven.
Es geht um Menschen, die hier lebten – in denselben Straßen, in denselben Häusern, mit denselben Hoffnungen.

Sie hatten Träume, wie jeder von uns.
Sie liebten, stritten, arbeiteten, feierten – wie jede Familie.

Ihre Geschichten gehören zu Birkenfeld.
Und sie sollen wieder Platz finden, dort wo sie hingehören:
Mitten in unserer Erinnerung.

Die folgenden Kapitel erzählen die Schicksale einiger dieser Familien. Sie führen an die Orte zurück, an denen sie lebten. Und sie zeigen, dass Erinnerung nichts Museales ist – sondern ein lebendiger Auftrag an uns alle.

Familie Löb / Loeb – Birkenfelder Wurzeln, zerstörte Lebenswege

Lebensweg der Familie Löb in Birkenfeld

Die jüdische Familie Löb – häufig auch „Loeb“ geschrieben – war seit dem späten 19. Jahrhundert Teil der Birkenfelder Stadtgemeinschaft. Leopold Löb stammte aus Steinbach am Glan und ließ sich als Kaufmann in Birkenfeld nieder. Mit seiner Frau Pauline, geborene Kahn, baute er hier eine Existenz auf. Ihre Kinder wuchsen in der Stadt auf, gingen hier zur Schule und prägten den Alltag der Gemeinde mit.
Leopold starb 1923; sein Grab befindet sich bis heute auf dem jüdischen Friedhof in Birkenfeld. Die Familie war fest im Leben der Stadt verankert – man kannte sie als Nachbarn, Kolleginnen und Kollegen, als Teil der jüdischen Gemeinde.

Verfolgung und Zerstörung der Familie

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten begann für die Familie Löb ein Schicksal, das später in Tragödien endete.
Leopolds Witwe Pauline musste Birkenfeld verlassen und floh zu Verwandten in die Niederlande. Doch auch dort war sie nicht sicher: Sie wurde verschleppt und später im Vernichtungslager Sobibor ermordet.

Ihre Kinder erlitten dasselbe grausame Schicksal.
Frieda, verheiratete Ackermann und 1883 in Birkenfeld geboren, lebte zuletzt in Trier. 1942 wurde sie zunächst in das Ghetto Theresienstadt deportiert und anschließend im Vernichtungslager Treblinka ermordet.
Ihr Bruder Moritz (1891 in Birkenfeld geboren), Schneider von Beruf, floh mit seiner Familie ebenfalls in die Niederlande – vergeblich. 1943 wurde er in Auschwitz ermordet.

4. Familie Ackermann (geb. Löb) – Zusatzabschnitt

Zwischen Heimat und Fremde

Für Frieda Ackermann, geborene Löb, blieb Birkenfeld immer mehr als nur ein Eintrag im Geburtsregister. Auch wenn sie später mit ihrem Mann in Hermeskeil und Trier lebte, hing an diesem Geburtsort ein unsichtbarer Faden. Vielleicht war es eine Erinnerung an eine bestimmte Ecke der Stadt, an einen Geruch im Laden, an Stimmen aus der Kindheit. Vielleicht waren es auch nur wenige, klare Bilder, die sich eingeprägt hatten.

Die Verfolgung trieb Frieda immer weiter weg von dem, was einmal Heimat gewesen war – zuerst in eine innere Distanz, dann in die äußere: neue Wohnungen, neue Umgebungen, immer weniger Halt. Als sie schließlich deportiert wurde, war Birkenfeld längst eine Stadt der Vergangenheit. Und doch war es Birkenfeld, das in allen Unterlagen als ihr Geburtsort vermerkt blieb.

So verbindet sich in der Figur von Frieda Ackermann die regionale Geschichte mit den großen Wegen der Deportationen: Birkenfeld – Hermeskeil – Trier – Theresienstadt – Treblinka. Eine Linie, die nüchtern aussieht, wenn man sie aufschreibt, die aber für einen Menschen ein Leben bedeutet, das durch Zwang, Angst und Gewalt gebrochen wurde.

Wenn wir heute ihren Namen nennen, holen wir die Erinnerung an ein Mädchen aus Birkenfeld zurück, das später Frau, Ehefrau und Opfer wurde – ohne je aufgehört zu haben, von hier zu stammen.

Damit steht das Schicksal der Familie Löb exemplarisch für die Vernichtung der jüdischen Gemeinde unserer Region: Familien, die seit Generationen hier lebten, wurden entrechtet, vertrieben und ermordet.

Erinnerung in Birkenfeld

Der Grabstein von Leopold Löb auf dem jüdischen Friedhof Birkenfeld verbindet bis heute die Generationen. Seine Inschrift erinnert nicht nur an ihn, sondern auch an seine Frau Pauline – ein stiller Hinweis auf die Gewalt, die dieser Familie angetan wurde.
Um die Erinnerung an die Familie wieder sichtbar in das Stadtbild zu holen, bereitet die Stolperstein-AG des Gymnasiums Birkenfeld derzeit die Verlegung von Stolpersteinen für die Familie Löb vor.
Damit wird wieder sichtbar: Die Familie Löb war Teil unserer Stadt. Sie lebte hier – und ihr Andenken bleibt in Birkenfeld.

Ein Blick aus dem Ladenfenster

Leopold und Pauline Löb haben unzählige Male aus ihrem Ladenfenster in Birkenfeld geschaut. Auf die Straße, auf die Menschen, die vorbeigingen, auf Kinder, die spielten. Für eine Kaufmannsfamilie ist das Schaufenster nicht nur Geschäftsfläche, sondern auch ein Rahmen für das eigene Leben – ein Ausschnitt der Welt, die Tag für Tag an einem vorbeizieht.

In den späten zwanziger und frühen dreißiger Jahren mag dieser Blick sich langsam verändert haben. Die Familienmitglieder wurden älter, die Kinder gingen eigene Wege, verließen Birkenfeld, aber die Verbindung zur Stadt blieb. Und dann kamen die Jahre, in denen aus beiläufigen Bemerkungen plötzlich harte Urteile wurden. In denen aus dem zufälligen Blick ein kalter wurde. In denen man spürte: Die Zugehörigkeit zu dieser Stadt steht plötzlich in Frage.

Dass später Familienangehörige wie Frieda und Moritz Löb fern von Birkenfeld – in Trier, Köln, in den Niederlanden – den Tod in Lagern im Osten fanden, macht die Rückkehr des Blicks auf das Birkenfelder Ladengeschäft umso bedrückender. Von hier aus gingen Wege hinaus in die Welt. Und von hier aus führte die Linie auch in eine Geschichte, die brutal abgerissen wurde.

Wer heute über die geplanten Stolpersteine für die Familie Löb nachdenkt, kann sich vorstellen, wie es war, mit gemischten Gefühlen aus genau diesem Fenster zu schauen – und zu spüren, dass sich die Stadt vor den Augen verändert.

In den dreißiger Jahren begann sich diese Atmosphäre zu verschieben. Manche Kunden kamen seltener, manche blieben weg. Der Blick durchs Schaufenster veränderte sich: Es waren weniger neugierige Augen, mehr prüfende. Hier, wo einst Vertrauen war, schlich sich ein Misstrauen ein, das sich niemand von heute wirklich vorstellen kann. Für die Familie Senator muss diese Veränderung spürbar gewesen sein – nicht in einem einzigen großen Ereignis, sondern in vielen kleinen Momenten: in einem Gruß, der ausblieb, in einem Gespräch, das plötzlich abbrach, in einer Tür, die sich leiser schloss als früher.

Die Stolpersteine vor dem Haus in der Achtstraße erinnern heute daran, dass diese Familie nicht nur Opferzahlen in Listen sind, sondern Menschen, deren Alltag genau hier spielte. Zwischen Ladenklingel und Haustür.


Familie Senator (Birkenfeld)

Die Familie Senator lebte in Birkenfeld (Nahe) und bestand aus Vater Max Senator (*1889), seiner Frau Lydia (geb. Loeb) (*1889) sowie den Kindern Arthur (*1919), Gerda (*1920) und Doris (*1930). Max Senator war Kaufmann; die Familie gehörte zur jüdischen Gemeinde Birkenfelds.

Max Senator stammte ursprünglich aus Łódź in Polen und besaß nicht die deutsche Staatsbürgerschaft. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde die Familie 1933 aus Deutschland ausgewiesen. Die Nazis vertrieben in diesem Jahr jüdische Bürger ohne deutschen Pass in deren Herkunftsländer zurück – die Familie Senator gehörte damit zu den Opfern der ersten Vertreibungswelle des NS-Regimes. So gelangte die Familie zurück nach Łódź, Max Senators Heimatstadt. Doch was als erzwungene Rückkehr in ein vermeintlich sicheres Herkunftsland begann, wurde nach dem deutschen Überfall auf Polen 1939 zur tödlichen Falle: Die Familie geriet im Ghetto Łódź in Gefangenschaft.

Dort verschlechterten sich die Lebensbedingungen drastisch. Vater Max verstarb bereits am 9. Mai 1942 im Ghetto – vermutlich an den Folgen von Hunger und Krankheit. Die jüngste Tochter Doris (12 Jahre alt) und Mutter Lydia blieben bis zur Auflösung des Ghettos 1944 am Leben. Im Juni 1944 wurden Lydia (55) und Doris (14) in das Vernichtungslager Kulmhof deportiert und dort ermordet. Sohn Arthur hatte das Ghetto offenbar zuvor verlassen müssen; sein genaues Schicksal ist unbekannt. Die Tochter Gerda überlebte den Holocaust – sie konnte mit Hilfe polnischer Helfer der Vernichtung entgehen. Gerda emigrierte nach Kriegsende und verbrachte ihr weiteres Leben im Ausland.

Heute erinnert eine Gruppe von Stolpersteinen in Birkenfeld an die Familie Senator. Im September 2022 wurden fünf Stolpersteine vor dem ehemaligen Wohnhaus in der Achtstraße 9 verlegt. Die tragische Geschichte dieser Familie – ausgewiesen aus der Heimat, zurückgedrängt in ein Land, das wenige Jahre später selbst unter deutsche Besatzung fiel – steht beispielhaft für viele jüdische Familien, die bereits in den ersten Monaten des NS-Regimes aus Deutschland vertrieben wurden und dennoch der Shoa nicht entkommen konnten.


Vertrieben von Anfang an – Die Ausweisungspolitik ab 1933

Die Ausweisung der Familie Senator war kein Einzelfall. Bereits unmittelbar nach der Machtübernahme im Januar 1933 begann das NS-Regime, jüdische Einwohner ohne deutsche Staatsbürgerschaft systematisch aus dem Land zu drängen. Betroffen waren vor allem sogenannte „Ostjuden“ – Juden mit polnischer, russischer oder staatenloser Zugehörigkeit, die teils seit Jahrzehnten in Deutschland lebten, Geschäfte führten und Familien gegründet hatten.

Die rechtliche Grundlage war bewusst vage gehalten. Aufenthaltserlaubnisse wurden nicht verlängert, Gewerbescheine entzogen, behördliche Schikanen häuften sich. Wer keinen deutschen Pass besaß, hatte kaum Möglichkeiten, sich gegen die Ausweisung zu wehren. Für die Betroffenen bedeutete dies, dass sie innerhalb kürzester Zeit ihre Existenz verloren – Wohnungen, Geschäfte, Nachbarschaften, die über Jahre gewachsen waren.

Für Familien wie die Senators bedeutete die Ausweisung von 1933 eine doppelte Tragik: Sie wurden aus dem Land vertrieben, das ihre Heimat war – und in ein Land zurückgeschickt, das wenige Jahre später von eben jenem Regime besetzt und zum Schauplatz der Vernichtung werden sollte. Die Ausweisung, die auf dem Papier wie eine Rückkehr aussah, war in Wahrheit der erste Schritt in die Katastrophe.


Das Ghetto Łódź – Gefangen in der ehemaligen Heimat

Als die deutsche Wehrmacht im September 1939 Polen überfiel und Łódź besetzte, wurde die Stadt in „Litzmannstadt“ umbenannt. Im Februar 1940 ordneten die Besatzer die Errichtung eines Ghettos an. Es wurde zum zweitgrößten Ghetto im besetzten Europa – nach Warschau. Auf engstem Raum wurden zeitweise über 160.000 Menschen zusammengepfercht, darunter auch die Familie Senator.

Das Ghetto war hermetisch von der Außenwelt abgeriegelt. Stacheldraht, Zäune und bewachte Posten machten jede Flucht nahezu unmöglich. Die Bewohner waren vollständig auf die Lebensmittelzuteilungen der deutschen Verwaltung angewiesen – und diese waren von Beginn an darauf ausgelegt, die Menschen systematisch auszuhungern. Ein erwachsener Ghettobewohner erhielt im Durchschnitt weniger als 700 Kalorien am Tag. Brot war oft das einzige Nahrungsmittel, das über Tage zur Verfügung stand – gestreckt mit Sägemehl und anderen Zusätzen. Kartoffeln, Kohl und gelegentlich eine dünne Suppe galten als Luxus.

Die Folgen waren verheerend. Tuberkulose, Typhus und Durchfallerkrankungen breiteten sich rasend aus. Die medizinische Versorgung war praktisch nicht vorhanden. Menschen starben auf offener Straße an Erschöpfung und Hunger. Zwischen 1940 und 1944 kamen im Ghetto Łódź rund 45.000 Menschen allein durch Hunger, Krankheit und die unmenschlichen Lebensbedingungen ums Leben – unter ihnen Max Senator, der am 9. Mai 1942 Starb. Er wurde 53 Jahre alt.

Für Lydia Senator bedeutete der Tod ihres Mannes, dass sie fortan allein für die Kinder sorgen musste – unter Bedingungen, die kaum ein Überleben zuließen. Die kleine Doris war bei der Errichtung des Ghettos gerade zehn Jahre alt. Sie verbrachte ihre gesamte Kindheit und frühe Jugend hinter Stacheldraht, in einer Welt aus Hunger, Angst und Tod.

Das Ghetto Łódź bestand länger als jedes andere Ghetto im besetzten Polen. Der Judenälteste Chaim Rumkowski verfolgte eine umstrittene Strategie: Er machte das Ghetto zu einem riesigen Produktionsbetrieb für die deutsche Kriegswirtschaft, in der Hoffnung, dass die Bewohner als Arbeitskräfte unentbehrlich und damit überlebensfähig würden. Tatsächlich verzögerte diese Strategie die endgültige Vernichtung – doch aufhalten konnte sie sie nicht.

Im Sommer 1944, als die Rote Armee bereits vorrückte, begann die SS mit der endgültigen Auflösung des Ghettos. In mehreren Deportationswellen wurden die verbliebenen Bewohner in Vernichtungslager transportiert. Lydia und Doris Senator gehörten zu denjenigen, die im Juni 1944 in das Vernichtungslager Kulmhof (Chełmno nad Nerem) deportiert wurden. Dort wurden sie unmittelbar nach ihrer Ankunft ermordet – in Gaswagen, die eigens für die Tötung konstruiert worden waren.

Von den über 200.000 Menschen, die im Laufe der Jahre im Ghetto Łódź eingesperrt waren, überlebten nur etwa 10.000 den Holocaust.

Ein Abend in der Achtstraße

Wenn man sich die Achtstraße heute ansieht, mit den parkenden Autos, den Häuserzeilen und den neuen Schildern, ist es schwer vorstellbar, wie vertraut dieser Ort für die Familie Senator einmal war. Abends, wenn die Rollläden des Geschäfts heruntergelassen waren und das Licht in der Wohnung über dem Laden brannte, war dies ein ganz normaler Birkenfelder Alltag: Stimmen aus der Nachbarschaft, Schritte auf dem Pflaster, ein kurzer Ruf über die Straße, vielleicht ein letzter Kunde, der noch etwas brauchte.

Doch 1933 war Schluss. Nicht, weil die Familie Senator es so wollte. Nicht, weil Max Senator eines Morgens beschloss, seine Koffer zu packen und Birkenfeld den Rücken zu kehren. Die Familie wurde ausgewiesen – vertrieben aus dem Ort, der für die Kinder Arthur, Gerda und die kleine Doris der einzige war, den sie als Heimat kannten. Max Senator besaß keinen deutschen Pass, und das genügte dem neuen Regime, um ihn mitsamt seiner Familie aus dem Land zu jagen.

Man kann sich vorstellen, wie dieser letzte Abend in der Achtstraße gewesen sein muss. Vielleicht stand Lydia noch einmal am Fenster und blickte auf die Straße hinunter, in der sie ihre Kinder hatte aufwachsen sehen. Vielleicht fragte die dreijährige Doris, wohin sie fahren. Vielleicht schloss Max die Ladentür ab und wusste, dass er sie nie wieder öffnen würde. Vielleicht sagte ein Nachbar leise „Macht’s gut“ – oder vielleicht sagte niemand etwas.

Es war kein Abschied, wie man ihn sich aussucht. Es war ein Abschied, der angeordnet wurde. Die Familie Senator verließ Birkenfeld nicht als Reisende, sondern als Vertriebene – und ging einem Schicksal entgegen, das noch grausamer werden sollte als alles, was sie sich an jenem letzten Abend in der Achtstraße hätten vorstellen können.

Die Stolpersteine vor dem Haus erinnern heute daran, dass diese Familie nicht nur Opferzahlen in Listen sind, sondern Menschen, deren Alltag genau hier spielte. Zwischen Ladenklingel und Haustür. Bis man ihnen beides nahm.

Ida und Rosa Schiffmann (Birkenfeld)

Die Schwestern Ida Schiffmann (*1878) und Rosa Schiffmann (*1877) waren zwei der letzten jüdischen Einwohnerinnen Birkenfelds. Ida und Rosa – unverheiratet und schon ältere Damen – lebten gemeinsam in Birkenfeld, nachdem viele jüdische Bürger emigriert oder weggezogen waren. In der NS-Zeit wurden sie schrittweise entrechtet und isoliert: Ihr soziales Umfeld zerfiel, sie mussten Zwangsabgaben leisten und durften ihren Berufen nicht mehr nachgehen.

1942 erfolgte die Deportation der Schwestern. Gemeinsam mit anderen verbliebenen Juden der Region wurden Ida (64 Jahre alt) und Rosa (65) im Juli 1942 verschleppt – zunächst in das Ghetto Theresienstadt. Rosa Schiffmann überlebte diese Tortur nicht: Sie starb bereits während des Transports, vermutlich aufgrund der katastrophalen Bedingungen. Ida Schiffmann gelangte nach Theresienstadt; ihr weiteres Schicksal ist nicht genau dokumentiert. Sie wurde später als ermordet erklärt.

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Zum Gedenken an Ida und Rosa Schiffmann wurden in Birkenfeld zwei Stolpersteine vor ihrem letzten Wohnhaus in der Bahnhofstraße 7 verlegt. Die Verlegung fand am 11. Mai 2017 statt. Ihr Andenken wird zudem im Bundesarchiv-Gedenkbuch bewahrt. Die Geschichte der Schwestern Schiffmann verdeutlicht, wie selbst hochbetagte Menschen dem Vernichtungswahn der Nationalsozialisten zum Opfer fielen.

Ein stiller Hilferuf – und der letzte Weg von Ida und Rosa Schiffmann

Wenn man heute die nüchternen Daten liest – Geburtsjahr 1877 und 1878, Bahnhofstraße 7, Deportation 1942, Tod auf dem Transport und im Lager – dann ahnt man nur, was diese beiden Frauen tatsächlich erlebt haben. Ida und Rosa Schiffmann waren keine Unbekannten in Birkenfeld. Sie waren Nachbarinnen, waren über Jahrzehnte Teil der Bahnhofstraße, gehörten zum vertrauten Bild der Stadt.

Als die Anfeindungen begannen, suchten sie keinen Streit und keinen großen Auftritt. Belegt ist, dass Ida und Rosa einen Brief an den Direktor des Gymnasiums schrieben. Darin baten sie höflich darum, ob er „vielleicht etwas auf die Schüler einwirken“ könne, die sie auf der Straße verspotteten und demütigten. Es war kein scharfer Protest, sondern eine leise Bitte zweier älterer Frauen, die einfach in Ruhe gelassen werden wollten. Eine Antwort bekamen sie nie.

Später wurden Ida und Rosa aus ihrer Wohnung in der Bahnhofstraße geholt und zusammen mit anderen in einen Viehwaggon gepfercht. Für zwei Frauen in diesem Alter waren die Bedingungen der Deportation kaum zu ertragen. Überliefert ist, dass Rosa Schiffmann diese Fahrt nicht überlebte – sie starb bereits unterwegs, noch bevor der Transport sein Ziel erreichte. Ida Schiffmann hielt ihre tote Schwester im Arm, unfähig, zu helfen, unfähig, das Geschehen zu begreifen. Sie selbst gelangte nach Theresienstadt und wurde später als ermordet erklärt.

Dieser Moment, zwei alte Frauen aus der Bahnhofstraße Birkenfeld, eine davon schon auf dem Transport gestorben, gehört zu den erschütterndsten Bildern der lokalen Geschichte. Er zeigt, wie weit die Barbarei reichte – bis hin zu Menschen, die ihr ganzes Leben lang niemandem etwas getan hatten.

Die beiden Stolpersteine vor dem Haus Bahnhofstraße 7 tragen heute die Namen Ida und Rosa Schiffmann. Sie erinnern daran, dass dies keine abstrakten Opferzahlen sind, sondern zwei konkrete Leben, die hier geführt wurden – und die hier nicht in Vergessenheit geraten sollen.


Familie Stern (Hoppstädten-Weiersbach)

Die Familie Stern aus Hoppstädten war eine alteingesessene jüdische Familie. Sigmund Stern (*1883) betrieb als Kaufmann ein Geschäft im Ort; er war mit Sophie Stern (geb. Weil) (*1886) verheiratet. Das Ehepaar wohnte in der Straße Hohlengraben 4 und hatte mehrere Kinder: die Söhne Julius (*1912) und Arnold (*1921) sowie die Töchter Liselotte (*1923) und Margit (*1924). (Gerda Stern, geb. Harris, *1909, lebte ebenfalls zeitweise im Haushalt und emigrierte 1935 nach Palästina.) Die Sterns waren im sozialen Leben integriert und angesehen.

Mit der NS-Herrschaft 1933 änderte sich ihr Leben dramatisch. Die Geschäfte der Familie wurden boykottiert und die Kinder in der Schule schikaniert. Arnold und Julius gelang 1938 die Flucht nach Palästina. Tochter Margit folgte 1940, starb jedoch beim Untergang des Flüchtlingsschiffes Patria vor Haifa. Zurück blieben die Eltern Sigmund und Sophie sowie Tochter Liselotte.

1942 wurden Sigmund, Sophie und Liselotte Stern deportiert. Über Zwischenstationen gelangten sie in das Ghetto Krasniczyn in Polen. Von dort wurden sie ins KZ Auschwitz verschleppt und 1942 ermordet.

Die Söhne Julius und Arnold Stern überlebten in Palästina und gründeten dort Familien. In Hoppstädten-Weiersbach erinnern seit 2018 sieben Stolpersteine vor dem Haus Hohlengraben 4 an die Familie Stern. Die Geschichte der Familie Stern zeigt eindrücklich, wie eine große Familie durch Emigration, Flucht und Vernichtung auseinandergerissen wurde.

Ein Dorfabend in Hoppstädten

Hoppstädten-Weiersbach war für die Familie Stern nicht einfach ein Wohnort, sondern eine gewachsene Umgebung. Man kann sich vorstellen, wie an einem Sommerabend die Fenster im Dorf offenstanden, wie Stimmen über die Gasse trugen, wie der Geruch von Stall, Garten und Küche sich mischte. Für die Familie Stern waren es vertraute Geräusche – nichts Besonderes, nur das tägliche Leben.

Mit der Zeit änderte sich der Ton im Dorf. Worte fielen, die man früher nicht gehört hatte. Auf einmal stand in der Zeitung etwas über „Juden“, das abstrakt klang und doch sehr konkret vor der eigenen Haustür ankam. Vielleicht merkte die Familie Stern zuerst an den Blicken, dass etwas anders war: ein schnell abgewandter Blick hier, ein halblauter Kommentar dort. In einer ländlichen Gemeinschaft, in der man sich kannte und voneinander abhängig war, muss dieser Wandel besonders schmerzhaft gewesen sein.

Die späteren Deportationen rissen die Familie aus genau diesem Geflecht von Beziehungen heraus. Zurück blieb ein Hof, ein Haus, ein leer gewordener Platz im Dorfleben. Heute sind es die Stolpersteine und wenige überlieferte Erinnerungen, die uns daran erinnern, dass hier einmal Menschen lebten, die fest zur Dorfgemeinschaft gehörten – bis man beschloss, dass sie es nicht mehr tun sollten.


Elise und Ottilie Eppstein (Hoppstädten-Weiersbach)

Elise Eppstein (*1848) und ihre Tochter Ottilie Eppstein (*1875) waren ebenfalls jüdische Einwohner von Hoppstädten-Weiersbach. Elise war über 90 Jahre alt und gebrechlich, als sie die frühen Jahre der NS-Herrschaft erlebte. Ihre Tochter Ottilie, verheiratet mit einem Herrn Katzenberg, hielt spätestens nach Kriegsbeginn wieder engen Kontakt zu ihr.

Am 25. Juni 1941 starb Elise Eppstein in Hoppstädten-Weiersbach – vermutlich an den Folgen von Entbehrung und seelischem Druck. Ottilie Eppstein wurde 1942 deportiert: über Köln ins Ghetto Theresienstadt und von dort weiter ins Vernichtungslager Treblinka, wo sie im September 1942 ermordet wurde.

Zur Erinnerung an Mutter und Tochter Eppstein wurden im September 2022 zwei Stolpersteine vor dem Haus Hauptstraße 20 verlegt. Ihre Geschichte zeigt, wie auch ältere und verwurzelte Bürger dem Terror des NS-Regimes nicht entkommen konnten.

Ein stiller Abschied in der Hauptstraße 20

Man kann sich vorstellen, wie ruhig es in den letzten Jahren im Haus Hauptstraße 20 geworden ist. Elise Eppstein, über neunzig Jahre alt, gebrechlich und auf Hilfe angewiesen, sah aus dem Fenster auf eine Welt, die sie nicht mehr verstand. Vieles, was ihr einmal vertraut war – Nachbarn, Stimmen auf der Straße, Besuche – war seltener geworden. Die Nachrichten wurden härter, die Gesichter verschlossener. Für eine alte Frau, die ihr ganzes Leben an diesem Ort verbracht hatte, muss das Gefühl der Vereinsamung fast genauso schwer zu ertragen gewesen sein wie die materiellen Entbehrungen.

Ihre Tochter Ottilie, längst erwachsen, verheiratet und selbst unter Druck, suchte wieder öfter den Weg zurück ins Elternhaus. In einer Zeit, in der so vieles zerbrach, blieb die Verbindung zwischen Mutter und Tochter einer der letzten festen Punkte. Vielleicht waren es nur kurze Besuche, vielleicht stille Stunden am Tisch, ein Blick, ein Händedruck, mehr musste gar nicht gesagt werden. Man spürte, dass die Zeit gegen sie arbeitete.

Als Elise im Juni 1941 starb, geschah das nicht im grellen Licht der Öffentlichkeit, sondern leise, im Hintergrund der großen Ereignisse. Zurück blieb Ottilie, nun ohne die Mutter, aber nicht ohne Verantwortung: für das Andenken, für das wenige, was sich noch ordnen ließ. Ein Jahr später wurde sie selbst deportiert – erst nach Köln, dann nach Theresienstadt und weiter nach Treblinka.

Die beiden Stolpersteine vor der Hauptstraße 20 erinnern heute daran, dass hinter diesen nüchternen Daten eine alte Mutter und ihre Tochter stehen. Zwei Leben, die bis zuletzt miteinander verbunden blieben – und die in einem Haus in Hoppstädten-Weiersbach begannen, bevor sie in den Lagern des Ostens gewaltsam endeten.


Landesrabbiner Dr. Alex Lewin – jüdisches Leben zwischen Birkenfeld und Hoppstädten

Landesrabbiner Dr. Alex Lewin war über viele Jahre die zentrale religiöse Persönlichkeit für die jüdischen Gemeinden im oldenburgischen Landesteil Birkenfeld. Er wurde 1888 im badischen Adelsheim geboren, studierte Theologie und Philosophie und kam 1920 nach einer Probepredigt in den Hunsrück. Sein Amtssitz lag in Hoppstädten, doch sein Wirkungskreis umfasste die Gemeinden der ganzen Region – darunter auch Birkenfeld. Er erteilte Religionsunterricht für die jüdischen Kinder, kam zu Gottesdiensten, Festtagen und besonderen Anlässen in die Gemeinden und war Ansprechpartner für all das, was jüdisches Glaubensleben in dieser ländlichen Gegend ausmachte.

Lewin war nicht nur Seelsorger, sondern auch Forscher. Er beschäftigte sich intensiv mit der Geschichte der Juden im Landesteil Birkenfeld, schrieb über die Synagoge in Hoppstädten und über Familien wie die Sterns, deren Namen in der Region bis heute bekannt sind. Damit hat er schon zu Lebzeiten das festgehalten, was wir heute mühsam aus Archiven und Bruchstücken wieder zusammensetzen müssen: das gewachsene jüdische Leben in den Dörfern rund um Birkenfeld.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten änderte sich sein Leben von Grund auf. Das vertraglich zugesicherte Gehalt wurde gestrichen, ihm wurde der Zugang zu Archiven verweigert, seine Tätigkeit immer weiter eingeschränkt. In der Reichspogromnacht im November 1938 wurde seine Wohnung verwüstet, Manuskripte und Unterlagen gingen verloren, und er selbst wurde in das Konzentrationslager Dachau verschleppt. Nach seiner Entlassung blieb ihm kaum noch Handlungsspielraum. 1939 emigrierte er nach Frankreich, in der Hoffnung, dort in Sicherheit zu sein. Doch auch dort wurde er interniert, schließlich von der Gestapo aufgegriffen und 1942 in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert, wo er nicht überlebte.

Heute erinnert ein Stolperstein vor der ehemaligen Synagoge in Hoppstädten an Dr. Alex Lewin. Er liegt an dem Ort, an dem er viele Jahre gewirkt hat und von dem aus er die jüdischen Gemeinden der Region betreute. Für Birkenfeld und die umliegenden Dörfer steht sein Name stellvertretend für all jene, die versucht haben, jüdisches Leben und Tradition in einer Zeit wachzuhalten, in der ihnen Schritt für Schritt die Existenzgrundlagen entzogen wurden. Seine Geschichte verbindet Birkenfeld und Hoppstädten-Weiersbach auf besondere Weise – als Teil eines gemeinsamen jüdischen Erbes, das wir heute bewusst in Erinnerung halten.

5. Landesrabbiner Dr. Alex Lewin – Zusatzabschnitt

Auf dem Weg zum Unterricht

Man kann sich Dr. Alex Lewin an einem frühen Morgen vorstellen, wie er mit Aktentasche, vielleicht mit einigen Büchern unterm Arm, durch Hoppstädten geht – auf dem Weg zur Synagoge oder zu einem Religionsunterricht bei jüdischen Kindern in der Region. Für ihn war dieser Weg Routine: Gespräche auf dem Dorfweg, ein kurzer Gruß, vielleicht ein Nicken zu denen, die ihn kannten. Er war Rabbiner, aber er war auch einfach ein Mann, der seine Aufgabe ernst nahm.

Mit der zunehmenden Entrechtung veränderte sich auch sein Alltag. Wege, die früher selbstverständlich waren, wurden von Blicken begleitet, die sich anders anfühlten. Türen, die sich früher leicht öffneten, taten es nur noch zögerlich. Und doch führte ihn seine Aufgabe weiter in die Gemeinden, zu den Familien, zu den Kindern, die noch Fragen hatten und Halt suchten.

Als er schließlich selbst zum Verfolgten wurde – als seine Wohnung durchsucht, seine Manuskripte zerstört und er ins Lager verschleppt wurde –, brach nicht nur ein persönliches Leben weg, sondern auch ein geistiges Zentrum der jüdischen Gemeinden der Region.

Der Stolperstein vor der ehemaligen Synagoge in Hoppstädten-Weiersbach erinnert heute nicht nur an seinen Tod, sondern auch an all die Wege, die er einmal zu Fuß gegangen ist – zu Unterrichtsstunden, zu Gottesdiensten, zu Gesprächen mit Menschen, die in ihm eine Stimme der Orientierung sahen.

Wolfgang Herfurth-April 2025

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