Die Wasserschiederstraße – Vom Kuhmarkt hinaus zum Wasserschied
Wer heute gemütlich durch Birkenfeld schlendert und von der Altstadt aus Richtung Westen geht, kommt unweigerlich an ihr vorbei: der Wasserschiederstraße. Für viele ist sie eine Alltagsachse mit Polizei, Autohäusern, Werkstätten, Gaststätten und Wohnhäusern. Doch hinter dem Namen steckt ein langes Stück Stadtgeschichte – über Viehmärkte, Wirtshäuser, frühe Kinos, Werkhallen und einen Wald auf der Wasserscheide.
Ein Name, der die Richtung vorgibt
Die Wasserschiederstraße heißt so, weil sie zum Wasserschieder Wald führt. Der Wald liegt buchstäblich „auf der Kante“: Hier trennen sich die Einzugsgebiete von Nahe und Mosel/Saar. Schon die Römer nutzten diesen Höhenrücken – eine alte Trasse Richtung Trier.
Alte Wege: Römertrasse und Waldpassage
Über den Hunsrück verband eine römische Verbindung die Region mit Trier. Bei Nohen wurde die Nahe gequert, dann zog der Weg durch den Wasserschieder Wald. Die Topografie leitete den Verkehr seit Jahrhunderten – diese Linien prägen bis heute die spätere Straßenführung.
Vom Ausfallweg zur Stadtachse
Unten an der Altstadt lag der Kuhmarkt; von hier führte der Weg hinaus in Richtung Wald. Der Straßenname „Wasserschiederstraße“ ist spätestens im 19. Jahrhundert fassbar. Heute liegt die Trasse mitten im erweiterten Stadtgefüge. Man erkennt den älteren Kern an mehreren denkmalgeschützten Häusern – u. a. Nr. 1, 2/4, 6, 7 und 16 –, die den Straßenraum bis heute verankern.
Handwerk im 19. Jahrhundert: Töpfer Schorr
Mitte bis zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts wirkte hier der Töpfer Schorr. Seine Werkstatt stand für robuste Alltagskeramik – Krüge, Schalen, Vorratsgefäße, auch Kacheln –, gebrannt im eigenen Ofen, der Ton aus der Region. Damit gehört Schorr zur frühen Handwerksschicht der Wasserschiederstraße – lange vor Motorisierung, Autohäusern und der Verdichtung des 20. Jahrhunderts.
Vom Kuhmarkt und vom „Klostereck/Klosteregg“
Der Kuhmarkt markierte den unteren Zugang zur Altstadt – mit Viehhandel, Feilschen und Versorgung für Stadt und Umland. Für die untere Ecke der Wasserschiederstraße hat sich der Name „Klostereck“ eingebürgert; im Volksmund sagt man auch „Klosteregg“.
Zeitzeugenvermerk (Wolfgang Herfurth): „Das Klosteregg war der Schluff (Durchgang), der die Wasserschiederstraße mit der Ingenieur-Göring-Straße verband – mein täglicher Kurzweg. Als Lehrling war ich in der Mittagspause in drei Minuten zu Hause, wenn Mama gekocht hatte.“
Am Eck: Kuhmaatschänke (zuvor „International“)
Direkt am Eingang in die Wasserschiederstraße – von der Hauptstraße kommend rechts – lag viele Jahre die Kuhmaatschänke. Sie wurde von Ingrid rund zehn Jahre erfolgreich geführt und 2013 geschlossen. Zuvor befand sich an derselben Ecke die Kneipe „International“. Die Kuhmaatschänke war lange ein stark besuchter Feierabend-Treff und gehört fest zur jüngeren Straßengeschichte.
Wirtshaus, Brauhaus – und Treffpunkt: Warth / „Schnietsches“ / „Atlantis“
An Nr. 6 entstand 1897 ein Gasthaus mit eigener Brauerei (Sandsteinquaderbau). Über Jahrzehnte prägte die Familie Warth das Viertel; im Ort kursierten Namen wie „Schnietsches“, später „Atlantis“. Man traf sich zum Bier aus der eigenen Brauerei, zur Hochzeit, zum Kartenspiel – und zum Erzählen. Die Wirtschaftsgeschichte reicht vom späten 19. Jahrhundert bis 1999 und erzählt viel über die Birkenfelder Wirtshauskultur.
Kino im Saal – und Kino in der Stadt
Filme flimmerten in Birkenfeld früh: Für den Bereich Wasserschied ist ein Kino im Saal der Gastwirtschaft Kröninger belegt – ein Stück lokaler Kinogeschichte aus der Zeit der Wanderkinos und Saalvorführungen. Später folgten feste Häuser in der Kernstadt (u. a. HCW/„Neues Theater“ an der Hauptstraße, Residenz-Theater an der Trierer Straße). In Erzählungen tauchen zudem die „Birkenfelder Lichtspiele“ (Wasserschiederstraße 9, ab 1919) auf – eine Adresse, die vielen noch ein Begriff ist.
Gutbürgerlich an der unteren Wasserschiederstraße: Landgasthof Alt-Birkenfeld (Bebeniss)
Nur wenige Schritte oberhalb von Tankstelle und Autohäusern liegt an Wasserschieder Straße 16 der Landgasthof Alt-Birkenfeld, im Ort oft schlicht „Bebeniss“ genannt. Seit den späten 1980er Jahren steht das Haus für gutbürgerliche Küche mit Biergarten – eine Konstante an der unteren Wasserschiederstraße, die das Straßenleben bis heute prägt.
Zeitleiste Bebeniss (Auszug):
- 1850 – Erbaut.
- 1988 – Erwerb durch die Familie Bebeniss.
- 1988 – Unterschutzstellung als Denkmal.
- 1989 – Umnutzung zum Landgasthof Alt-Birkenfeld.
- 2011 – Auszeichnung (3. Platz) im Kreiswettbewerb „Vorbildliches Anwesen“.
- 2015 – Neugestaltung des Biergartens.
- 2016 – Neugestaltung des Parkplatzes mit Garten und Kräuterbeet.
Werkbänke, Motoren, Marken: Nagel und die Automeile am Westausgang
Über viele Jahrzehnte prägte Nagel das Bild der Straße – Opel-Vertretung, Werkstatt, Ausstellung, Tankstelle, Mietwagen. Die Adresse Wasserschiederstraße 21 war Ausbildungs- und Arbeitsort für Generationen; mit Gustav Nagel verbindet sich die klassische Opel-Zeit.
Zeitzeugenvermerk (Wolfgang Herfurth): „Ich habe bei Nagel dreieinhalb Jahre gelernt – von 1969 bis 1973. Die Werkstatt, der Geruch von Öl und Metall, Probefahrten durch die Wasserschiederstraße: Das hat meine Jugend geprägt. Und mittags ging’s durch den Schluff Klosteregg rüber in die Ingenieur-Göring-Straße – drei Minuten Fußweg, warmes Essen, dann zurück an die Hebebühne.“
Heute besteht der Kfz-Standort als Nachfolger weiter (inzwischen ohne Familienbezug), und die Straße bleibt durch mehrere Betriebe klar autogeprägt. Zwischen Nr. 22–28 sitzen weitere Autohäuser und Werkstätten – die Wasserschiederstraße ist bis heute eine kleine Automeile.
Ordnung am Übergang: die Polizei
Die Polizeiinspektion Birkenfeld sitzt heute an der Wasserschieder Straße 33 – ein klarer Anker der Straße in der Gegenwart. Die frühere Verortung „Am Zimmerbach“ gehört zur jüngeren Stadtgeschichte und taucht in vielen Erinnerungen an die Umzugszeit auf.
Alltagswelten der 1950er bis 1970er: Metzgerei, kleiner Laden „Merker“, Lebensmittelgeschäft Kuhn – und die Automaten vor der Tür
Zum Straßenbild gehörten über Jahrzehnte die typischen kleinen Geschäfte:
- eine alte Metzgerei (mit Wursttheke und Räucherduft),
- ein kleiner Lebensmittelladen „Merker“ – mit Kaugummi- und Zigarettenautomaten direkt am Eingang. Dort gab es sogar Zigaretten im Fünferpack, die man ziehen konnte,
- Lebensmittelgeschäft Kuhn – größer als der kleine Laden nebenan; für die damalige Zeit mit breitem Sortiment, quasi ein kleiner Markt für den Wocheneinkauf.
Diese Mischung aus Nahversorgung, Handwerk und kurzen Wegen machte die Wasserschiederstraße zum kompakten Versorgungsraum des Viertels.
Handwerk & Improvisation der 60er: Engels Otto (Otto Engels) – das kleine „Alles-Finder“-Geschäft
Ein Name, der vielen Birkenfeldern sofort einfällt: Engels Otto – im Volksmund oft so herum genannt, bürgerlich Otto Engels. Sein kleines Geschäft stand wie kaum ein anderes für das Tüfteln und Improvisieren der frühen 1960er-Jahre.
Hier wurde rumgeknuppt, geflickt, nachgezogen – Fahrräder, Kinderroller, Klingeln, Ventile, Bowdenzüge; und immer fand sich „die richtige Schraube“. Für viele Generationen war Engels Otto ein Urgestein: Man ging hin, bekam einen Tipp, ein Teil, eine provisorische Lösung – und ging zufrieden wieder raus.
Tradition & Gemeinschaft: Auszug zum Waldfest im Wasserschieder Wald
Über viele Jahrzehnte eröffnete das Waldfest im Wasserschieder Wald mit einem feierlichen Auszug aus der Stadt:
Die Musikkapelle stellte sich in der Innenstadt auf, dann zog sie – gefolgt von Anwohnern, Familien, Gästen – die Wasserschiederstraße hinauf Richtung Wald. Der Takt der Trommeln, Bläserrufe an den Hausfassaden, Kinder mit Fähnchen, ältere Herren im Sonntagsjackett: Der Zug verband Stadt und Wald, Alltag und Fest.
Zeitzeugenvermerk (Wolfgang Herfurth): „Ich habe Bilder vom Auszug – Kapelle vorneweg, die Menschen hintendran. Für viele Generationen gehörte dieser Weg über die Wasserschiederstraße zum Jahreslauf: erst die Musik, dann das Waldfest unter den Bäumen.“
Industrie am Westausgang: Holzwarenfabrik „Viktor Burger Söhne“ (Burger)
Stadtauswärts – links in Richtung Wasserschied – lag über viele Jahrzehnte die Holzwarenfabrik Viktor Burger Söhne. Im Ort sagte man kurz „Burger“. Das Werk prägte den Übergang zum heutigen Gewerbegebiet/Einzelhandelsstandort.
Zeitzeugenvermerk (Wolfgang Herfurth): „Ich habe dort vor meiner Bundeswehrzeit im Sommer zwei Monate ausgeholfen – unter anderem bei der Herstellung von Besenstielen.“
Mit dem Rückzug der Produktion endete die Ära des Werks; die Fläche wandelte sich später zum heutigen Einkaufsareal.
Westende heute: vom Holzwerk zur Maiwiese
Aus dem früheren Burger-Standort entwickelte sich die „Maiwiese“ mit mehreren Märkten und Geschäften. Wichtig für die Orientierung: Diese Häuser tragen Maiwiese-Adressen und zählen nicht zur Wasserschiederstraße. Entlang der Wasserschiederstraße selbst finden sich weiterhin Märkte und Betriebe – die historische Ausfallstraße trifft hier auf den modernen Versorgungsstandort.
Feste auf der Straße – Fasching in der Wasserschiederstraße
Zur gleichen Atmosphäre der 1960er gehören die Feiern der Anwohner: Fasching mit Girlanden, Musik und Pappnasen; Bänke vor die Häuser, Kuchen, Limo, ein paar Bierbänke am Rand. Solche Nachbarschaftsfeste machten die Wasserschiederstraße zu einem Lebensraum, nicht nur zu einer Verkehrsachse – viele Fotos zeugen davon.
Fahrschule, Eisenwaren, Töpferei – Erinnerungsorte
Zur Straßenbiografie über die Jahrhunderte gehören unterschiedliche Namen und Zeiten:
- Historisch (19. Jahrhundert): der Töpfer Schorr – frühe Handwerksphase der Straße.
- 20. Jahrhundert: die Fahrschule Zwetsch (Führerscheinjahrgänge Anfang der 1970er) und das Eisenwarengeschäft Heck – praktische Adressen für Ausbildung, Werkbank und Alltag.
Zeitzeugenvermerk (Wolfgang Herfurth): „Meinen Führerschein machte ich 1972/73 bei Zwetsch in der Wasserschiederstraße. ‘Heck’ war die Adresse, wenn man etwas aus Eisen oder für die Werkbank brauchte; und der Töpfer Schorr steht für die ältere Handwerkstradition im 19. Jahrhundert.“
Parallelstraße und Lebensweg: Ingenieur-Göring-Straße
Parallel zur Wasserschiederstraße verläuft die Ingenieur-Göring-Straße – benannt nach dem Birkenfelder Ingenieur Hermann Göring (1867–1941), einem lokalen Flugpionier (nicht zu verwechseln mit dem NS-Politiker gleichen Namens).
Zeitzeugenvermerk (Wolfgang Herfurth): „Ich bin in der Parallelstraße – in der Ingenieur-Göring-Straße – aufgewachsen, habe dort Kindheit und Jugend verbracht und in der Wasserschiederstraße gelernt. Beide Straßen bilden für mich ein einziges Quartier.“
Vom Rand in die Mitte – und der alte Pfad in den Wald
Was einst die Ausfallstraße in den Wald war, ist heute eine vielseitige Stadtachse mit Polizei, Autohäusern, Werkstätten, Gaststätten und Märkten. Zwischen modernen Fassaden blitzen Schieferdächer und Sandstein des 18./19. Jahrhunderts; und am westlichen Ende, wo der Asphalt in Wege übergeht, beginnt noch immer der Pfad in den Wasserschieder Wald – Natur- und Kulturgeschichte direkt vor der Haustür.
