Ein Tag, der atmet – Birkenfeld 1885 und der alte Stadtkern


Warum schreibe ich dieses Buch?

Die Antwort liegt in meiner Familie, in meiner Herkunft. Die Geschichte, die hier erzählt wird, handelt von meinem Urgroßvater Valentin Adolf Herfurth. Ich bin sein Urenkel – und zugleich der Letzte in dieser direkten Namenslinie. Meine beiden Töchter tragen den Namen nicht mehr weiter. Mit diesem Wissen ist mir bewusst geworden, dass eine Familiengeschichte an ihrem Ende steht. Gerade dieser Gedanke, verbunden mit meiner wachsenden Leidenschaft für die Geschichte Birkenfelds, hat mich dazu bewegt, dieses Buch zu schreiben.

Es ist nur ein Tag, eine Momentaufnahme aus dem Jahr 1885 – und doch ein Stück Heimatgeschichte. Zugleich soll diese Erzählung mehr sein als eine Familiengeschichte. Die Familie Herfurth steht hier stellvertretend für das bürgerliche Leben in einer kleinen Residenzstadt um 1885 – für Routinen, Werte und Brüche, wie sie damals viele Familien erlebt haben. In dieser Zeit veränderte sich Birkenfeld entscheidend: 1880 brachte die Eisenbahn den Anschluss an die große Welt, 1885 wurde das Elisabethkrankenhaus eröffnet. Es waren Jahre voller Aufbruch und Wandel, die Spuren bis heute hinterlassen haben.

Dieses Buch ist für mich Erinnerung und Vermächtnis zugleich. Es soll die Vergangenheit lebendig halten – nicht nur für mich, sondern auch für alle, die hier in der Region aufgewachsen sind oder ihre Wurzeln suchen. Ich widme es meinen Enkeln Joel, Noah & Lunes, sowie meiner Nichte Tina Moreno, die sich für meine Arbeit interessiert und zu der mich ein ganz besonderes Verhältnis verbindet. Den Lesern wünsche ich Freude an dieser Reise in die Geschichte – und vielleicht auch den einen oder anderen neuen Blick auf unsere Heimat.


Über den Autor

Wolfgang Herfurth, geboren am 3. Februar 1954 in Birkenfeld/Nahe, wuchs in der Ingenieur-Göhring-Straße auf. Nach einer handwerklichen Ausbildung und verschiedenen Stationen in Betrieben der Region begann 1974 sein Wehrdienst bei der Bundeswehr. Aus den zunächst zwölf geplanten Monaten wurden acht Jahre: Als Munitionsunteroffizier an der Artillerieschule Idar-Oberstein erlebte er eine prägende Zeit, die seine weitere Laufbahn bestimmte.

Nach dem Wechsel in den Zivildienst arbeitete er mehrere Jahre bei den Streitkräften in Birkenfeld und in Neubrücke als Hochdruckkesselwärter, bevor er an die Artillerieschule zurückkehrte. Dort fand er seine berufliche Heimat im Bereich der Medienarbeit. Vom Kabelträger entwickelte er sich zum Medienfachmann und gestaltete Ausbildungs- und Informationsformate für die Bundeswehr.

Mit 55 Jahren trat er in den Vorruhestand. Seine Leidenschaft für Geschichte und Heimatpflege führte ihn zu neuen Projekten. 2014 gründete er die Facebook-Gruppe „Alte und neue Ansichten der VG Birkenfeld“, die heute über 1.800 Mitglieder zählt. 2024 folgte die Gründung der Webseite wolftensor.online, die mittlerweile mehr als 10.000 historische Bilder sowie zahlreiche Beiträge über Vereine, Persönlichkeiten und Orte der Verbandsgemeinde Birkenfeld umfasst.

Mit akribischem Blick für Details widmet sich Wolfgang Herfurth seither der Aufarbeitung und Vermittlung lokaler Geschichte. Sein aktuelles Projekt, die Erzählung „Ein Tag der Familie Herfurth in Birkenfeld-Nahe im Frühjahr 1885“, verbindet persönliche Familiengeschichte mit lebendigem Heimatbild. Mit „Ein Tag, der atmet – Birkenfeld 1885 und der alte Stadtkern“ verbindet er erstmals seine familiären Wurzeln mit einer erzählerischen Rekonstruktion des alten Birkenfeld.


Prolog des Urenkels

Ich war vielleicht fünf Jahre alt. Es ist eine dieser Erinnerungen, die sich nicht in Daten oder klaren Bildern fassen lässt, sondern in Gefühlen, die tief im Herzen verwurzelt sind. Die Hand meines Großvaters Christoph, groß, warm und trocken, umschloss die meine. Seine Haut fühlte sich an wie feines, oft gebrauchtes Leder, geprägt von einem langen Leben. Wir gingen über ein Marktfest in Birkenfeld.

Die Luft war ein Kaleidoskop aus Gerüchen: gebrannte Mandeln, feuchtes Laub, der Staub, den die vielen Füße aufwirbelten. Die Welt um mich herum war laut, bunt und überwältigend. Er kaufte mir einen Luftballon. Rot, glänzend, prall gefüllt mit Leichtigkeit, ein kleines Wunder, das an einer dünnen Schnur gegen den Himmel zog. Auf dem Heimweg hielt ich den Ballon – und er mich. Seine Schritte waren langsam, bedächtig, und ich musste mich beeilen, um Schritt zu halten, aber seine Hand ließ mich nie los.

Sie war mein Anker, meine Orientierung in der lärmenden Menge. Heute, viele Jahrzehnte später, weiß ich:
Diese feste, ruhige Hand, die mich führte, war selbst einmal geführt worden. Sie war selbst einmal klein gewesen und hatte vertrauensvoll in der Hand seines Vaters gelegen, meines Urgroßvaters Valentin Adolf Herfurth. Es ist eine Kette von Berührungen, die sich durch die Zeit zieht, über die Brüche und Stürme eines Jahrhunderts hinweg. Von Hand zu Hand, von Tag zu Tag – so schließt sich die Linie zwischen 1885 und heute.

Geschichte wird oft in großen Linien erzählt, in Verträgen und Kriegen, in Daten und Dynastien. Aber das wahre Leben findet in den kleinen Bewegungen statt, im Alltag, in der Art, wie ein Vater seinen Sohn zur Schule bringt oder wie eine Stadt zu einer neuen Zeit aufbricht. Was folgt, ist kein Archivblatt, kein verstaubtes Dokument aus einer vergessenen Zeit.

Es ist der Versuch, die Lücken zwischen den Fakten zu füllen, einen Tag wiederzubeleben, der längst vergangen ist, aber dessen Echo noch immer nachhallt. Es ist ein Tag, der atmet: Bahn, Apotheke, Schule, Verein, Krankenhaus. All diese Institutionen bilden das Gerüst, aber das Fleisch und Blut sind die Menschen, die in ihnen lebten und wirkten. Vielleicht liest man Geschichte am besten dort, wo sie jemand an der Hand hat.

Erster Teil – Der Morgen

Das neue Herzschlagen

Birkenfeld erwachte nicht mehr wie früher. Die jahrhundertelange Stille der Kleinstadt – nur durch Hahnenschreie, Kirchenglocken und das Klappern der Fuhrwerke unterbrochen – war einem neuen Rhythmus gewichen. Seit dem 15. Oktober 1880 hatte die Stadt ein anderes Herz. Ein Herz aus Eisen, Dampf und der präzisen Strenge eines Fahrplans.

Noch bevor die Dächer der Stadt aus der Dämmerung stiegen, bevor das erste Licht die weichen Linien der Hunsrückhügel nachzeichnete, war es zu hören. Zunächst wie ein fernes Grollen, das sich durch den feuchten Boden schob – weniger ein Geräusch als ein Zittern. Dann, an der Rampe des neuen Bahnhofs, der wie ein Vorposten der Moderne vor der alten Stadt lag, kam der scharfe Pfiff der Lokomotive. Ein Ton, der die nasse Morgenluft durchschnitt.

Es folgte das schwere Rollen der Waggons über die Schienen, ein metallisches Mahlen, das im Pflaster vibrierte. Das kurze Klacken der Kupplungen, wenn die Wagen aneinanderschlugen. Ein gedämpfter Ruf an der Mauer des Güterschuppens.
Die Moderne war nicht länger ein Wort – sie war körperlich da, sie gab den Takt vor.

In der Bahnhofstraße, kaum 150 Meter entfernt, stand im Obergeschoss eines schmalen, soliden Hauses ein Fenster angelehnt. Die Luft, die hereindrang, war kühl und trug den Geruch des frühen Frühlings – feuchte Erde, erste Knospen. Doch darüber legte sich etwas Neues: ein dünner Faden von Kohlenrauch, schwer, schwefelig, eine Spur Ruß und heißes Öl, die sich mit der Morgenfrische mischte.

Im Schlafzimmer lag noch die dichte Stille der Nacht. Das Licht war grau, weich, zurückhaltend.
Valentin Adolf Herfurth war wach. Er bewegte sich nicht sofort. Er lauschte.

Auf der anderen Bettseite war es leer, aber die Wärme hielt sich noch. Ein leichter Abdruck im Federbett zeigte, wo Mathilde gelegen hatte. Sie war mit der ersten Dämmerung aufgestanden, zusammen mit Lina, der Aufwartefrau, die unten in der Küche bereits die ersten Handgriffe tat.

So begann jeder Morgen – als verlässliches Zusammenspiel, als stiller Motor eines Hauses, der nie stillstand.

Valentin Adolf, Gymnasiallehrer, Organist, Dirigent des Liederkranzes und Vorsitzender des Turnvereins – ein Mann des Maßes, des Taktes und der Ordnung – schlug die Daunendecke zurück. Einen Moment lang lauschte er weiter: dem fernen Zischen des Dampfes, dem Klirren von Milchkannen auf einem Karren, dem Knarren der Dielen im Flur.

Es war der Klang eines geordneten Lebens.
Und er war einer von denen, die diese Ordnung hielten.

Dann stand er auf.


Der Takt der Schienen

Aus der Ferne antwortete der Bahnhof, als gehöre er seit jeher zum Tageslauf, als sei er Teil dieses morgendlichen Rituals, ein integraler Bestandteil der Stadtlandschaft. Die Geräusche waren nun lauter, definierter; sie fügten sich zu einer komplexen Klangkulisse, die den Morgen strukturierte.

Das schwere Rollen eines Karrens über Bohlen.
Das dumpfe Aufschlagen einer Kiste auf der Rampe.
Das Knirschen von Eisen auf Eisen.

Die Stimme des Frachtagenten hallte über den Platz, rau vom frühen Aufstehen und vom Rufen gegen den Lärm der Maschinen.

„Glaswaren – vorsichtig!“

Er rief Namen auf, eine Liste von Empfängern, die auf ihre Waren warteten – eine lebendige Verbindung zwischen der Stadt und der Außenwelt. Ein Briefsack schlug dumpf auf den Boden des Postwaggons: ein Zeichen, dass Nachrichten aus der Ferne angekommen waren. Ein Schaffner zählte laut die Pakete, seine Stimme monoton und rhythmisch, ein menschliches Metronom im Takt der Maschinen.

Ein Bursche eilte vorbei, unter dem Arm ein schmales Paket, das Valentin Adolfs Aufmerksamkeit erregte. Er konnte es nicht sehen, aber er stellte es sich vor: sorgfältig verschnürt, mit dem Stempel „Musikalien, Mainz“. Die Noten für den Liederkranz, den Chor, den er leitete – eine Freude, die ihn den ganzen Tag begleiten würde.

Die Birkenfelder Zweigbahn, ein Triumph für Bürgermeister Eissel, der unermüdlich für den Anschluss an das Schienennetz gekämpft hatte, hatte die Stadt aus ihrer Isolation befreit. Die Welt war näher gerückt. Mainz, Frankfurt, selbst Berlin waren nun erreichbar. Die Wege waren kürzer geworden; man spürte es schon vor dem ersten Brot – in der Art, wie der Tag begann, in der Pünktlichkeit, die nun von jedem erwartet wurde, in der Geschwindigkeit, mit der sich das Leben veränderte.

Am Güterschuppen, so malte es sich Valentin Adolf aus, las der Agent nun laut vor, was in sauberer Kanzleischrift ohnehin auf den Frachtbriefen stand. Eine amtliche Bestätigung der Realität, ein Ritual der Kontrolle und der Ordnung.

„Glaswaren – vorsichtig!“
„Musikalien, Mainz!“
„Zinkleinwand!“ – für den Dachdecker, der auf das Material wartete.

Ein Bursche legte die schwere Bohlenbrücke zwischen Waggon und Rampe, eine Verbindung zwischen dem Zug und dem Boden der Stadt. Der Schaffner tippte sich mit dem Bleistiftstummel an die Mütze – ein kurzer Gruß an den Agenten.

„Zwei Kisten für die Apotheke Gleimann“, sagte der Agent und zog einen Durchschlag aus seiner ledernen Mappe. Gleimann – der Name, der noch immer über der Apotheke in der unteren Hauptstraße stand. Dort hatte sein Schwiegervater, Apotheker Gleimann, jahrelang die Stadt mit Medikamenten versorgt, bis zu seinem Tod im Jahr 1883. Seitdem führte dessen Sohn die Offizin weiter; für die meisten Birkenfelder blieb es einfach „die Apotheke Gleimann“. Wahrscheinlich Nachschub für das neue Krankenhaus, das vor kurzem eröffnet worden war.
Er prüfte das Siegel sorgfältig, bevor er es brach. Die Kordel knirschte über das raue Holz der Kisten. Als der Deckel geöffnet wurde, stieg ein Geruch von Leim und Papierstaub auf – ein Hauch der Ferne, der sich mit dem heimischen Duft von feuchtem Holz und Kohle mischte.

Ein Landwirt wartete ungeduldig auf seinen Sack Saatgut. Er scharrte mit dem Absatz seiner schweren Stiefel auf dem Pflaster, seine Gedanken längst auf dem Feld. Das Wetter war günstig, die Erde war bereit. Heute noch in die Erde – wenn der Tag hielt, was der Morgen versprach.

Die Bahn brachte nicht nur Waren, sie brachte auch eine neue Dringlichkeit, einen neuen Rhythmus für die Arbeit.

„Die Wege sind kürzer geworden“, sagte der Schaffner beiläufig zu dem Landwirt, während er die nächste Kiste abstempelte. „Aber die Liste bleibt gleich lang.“

Es war keine Klage, nur eine Feststellung der neuen Realität: mehr Arbeit in kürzerer Zeit – eine Ambivalenz des Fortschritts, die Valentin Adolf wohl verstand.

Ein kurzer Pfiff am Prellbock signalisierte die Ankunft des nächsten Zuges. Die Bremsen seufzten schwer, ein Geräusch wie ein tiefes Ausatmen. Die Lokomotive kam zur Ruhe, zischend entwich der Dampf.

Ordnung war hier kein abstrakter Begriff.
Ordnung war ein Klang, ein Rhythmus, der den Tag bestimmte und die Stadt am Leben hielt.


Haltung am Morgen

Die Dielen waren kalt unter seinen nackten Füßen, als Valentin Adolf Herfurth zum Waschtisch hinüberging. Das Möbelstück aus dunklem Holz – schlicht, aber seit Generationen im Gebrauch – glänzte matt im grauen Morgenlicht. Auf ihm standen der schwere Steinkrug und die weiße Porzellanschüssel, bereit für das tägliche Ritual.

Er goss das Wasser ein. Es war am Vorabend vom Brunnen geholt worden und hatte die ganze Nacht die Kälte des Steins angenommen. Als er es mit beiden Händen über Gesicht und Nacken schöpfte, fuhr ihm der Biss des Wassers durch die Haut – ein klarer, schneidender Reiz, der die letzten Reste der Müdigkeit löste. Es war die knappe, doch sorgfältige Morgentoilette jener Jahre – kein Überfluss an Wasser und Zeit, sondern eine gezielte Erfrischung von Körper und Geist.

Ein raues Leinentuch lag bereit. Er trocknete Gesicht und den kurz gestutzten Bart, der seinem Ausdruck eine nüchterne Strenge verlieh. Vor dem kleinen Spiegel – das Glas an den Rändern leicht blind – zog er mit zwei Fingern den Scheitel ins noch feuchte Haar. Die Linie war gerade, präzise. Eine stille Demonstration von Kontrolle.

Bevor er sich ankleidete, hielt er inne. Er faltete die Hände und sprach sein Morgengebet – leise, ohne jede Hast. Die Worte waren immer dieselben; vertraut wie das Licht, das langsam in den Raum sickerte. Ein Dank für die Ruhe der Nacht. Eine Bitte um Führung für den Tag. Ein kurzer Moment der Sammlung, der ihm die innere Festigkeit gab, die er brauchte.

Dann begann das Ankleiden.
Alles hatte seinen Platz, jeder Griff war eingeübt, wie ein kleiner Tagesauftakt aus Gewohnheit und Disziplin. Zuerst das weiße Kragenhemd, gestärkt und makellos – der Stoff kühl auf der Haut, aber beruhigend in seiner Verlässlichkeit. Dann die gesteifte Weste, die seinem Oberkörper Festigkeit gab und die Haltung aufrichtete. Schließlich der dunkle Gehrock: die bürgerliche Uniform eines Mannes, der Verantwortung trug und sie auch zeigte.

Mit ruhigen Fingern band er die Krawatte. Der Knoten saß sauber und fest, ein kleines Symbol der Ordnung, die er schätzte. Dann öffnete er die Westentasche und nahm die goldene Uhr heraus. Kurz nach sechs. Er ließ sie zurückgleiten; die Kette legte sich in einem dezenten Bogen über den dunklen Stoff.

Ein letzter Blick in den Spiegel: ein ernstes Gesicht, wache Augen.
Er strich mit dem Leinentuch über die Lederstiefel, bis sie matt glänzten.

Haltung – davon war er überzeugt – begann am Morgen.
In den kleinen, exakten Handgriffen.
In der Disziplin gegenüber sich selbst.
In der ruhigen Beherrschung von Körper und Geist.


„Valentin Adolf Herfurth war bereit für den Tag.“

Als Valentin Adolf Herfurth die Treppe hinunterstieg und die Küche betrat, trat er in eine Welt, die bereits in vollem Gange war. Der Haushalt funktionierte wie ein Uhrwerk, jede Hand fand ihre Aufgabe, ohne dass viele Worte nötig waren. Im Flur erwachten die Kinderstimmen, ein leises Getrappel von Füßen auf den Dielen, ein unterdrücktes Kichern, gefolgt von einem mahnenden „Psst!“.

In der Küche knackte das Holz im großen gusseisernen Ofen. Lina, die Aufwartefrau, eine hagere Frau mit freundlichen Augen und zupackenden Händen, hatte das Feuer schon vor der Dämmerung entfacht. Die Wärme breitete sich langsam im Haus aus, verdrängte die Kälte der Nacht aus den Ecken. Der Geruch von brennendem Holz mischte sich mit dem Duft von Malzkaffee und warmer Milch – ein vertrauter Geruch von Zuhause, der Geborgenheit vermittelte.

Mathilde Herfurth, geborene Gleimann, Apothekertochter aus der unteren Hauptstraße, eine Frau von ruhiger Ausstrahlung und praktischem Verstand, stand am großen Küchentisch. Ihr Vater, Apotheker Gleimann, war 1883 gestorben; seitdem führte ihr Bruder die Offizin weiter – in der Stadt sagte man trotzdem noch einfach „die Apotheke Gleimann“. Ihr dunkles Haar war bereits ordentlich zu einem Knoten gebunden, eine weiße Schürze schützte ihr Kleid. Sie war die ruhige Kraft im Zentrum dieses morgendlichen Wirbels, die Dirigentin dieses Orchesters des Alltags. Sie prüfte die Hafergrütze, die langsam auf dem Herd quoll, stellte die Kanne Malzkaffee beiseite und schnitt das dunkle Roggenbrot vom Bäcker am Kirchplatz in gleichmäßige Scheiben.

Auf dem Familientisch, bedeckt mit einem einfachen, aber sauberen Leinentuch, standen Butter in einem steinernen Topf, selbstgemachte Hagebuttenmarmelade aus dem letzten Herbst und ein Schälchen Honig von einem Imker aus der Umgebung. Zinntassen warteten auf den Kaffee, zwei Lätzchen lagen bereit für die Kleinsten.

Die Kinder kamen nacheinander an den Tisch, gewaschen und gekämmt, jedes mit seiner kleinen Aufgabe. Die Ordnung des Haushalts spiegelte sich in ihren Bewegungen wider – eine Choreographie des Alltags, die sie von klein auf lernten. Karl August, acht, beinahe neun, der Älteste, führte das Brotmesser für die letzten Scheiben mit ernster Miene und hielt sie gleichmäßig. Es war eine kleine Verantwortung, aber sie machte ihn sichtbar stolz.

Elise Amalie, sechs Jahre alt, strich Butter auf die Brote und hatte zugleich ein wachsames Auge auf ihre jüngere Schwester Maria Mathilde, vier Jahre alt. Maria trug die Tassen mit beiden Händen so sorgsam zum Tisch, als trüge sie feinstes Porzellan aus der guten Stube; ihre Stirn war vor Konzentration leicht gerunzelt. Der kleine Adolf, zwei Jahre alt, bestand darauf, selbst zu löffeln, was meist mit einer gewissen Unordnung verbunden war, die geduldig toleriert wurde – eine tägliche Übung in Geduld für alle Beteiligten.

Und dann war da noch Christoph Martin Friedrich, knapp anderthalb. Zuerst saß er auf Linas Arm, die ihn liebevoll wiegte, dann sicher in der hohen Kinderbank am Tisch. Valentin Adolf betrachtete seinen jüngsten Sohn, die blonden Locken, die neugierigen Augen, die die Welt in sich aufsogen. Aus diesem kleinen Jungen sollte einmal der Großvater des Autors werden – ein gütiger, liebevoller Opa, dessen ruhige Hand Sicherheit gab. Würde sein Vater ahnen, während er nun den Anblick seiner Familie aufnahm, dass dieser kleine Mensch die Brücke in ein anderes Jahrhundert schlagen würde? Vermutlich würde er nur leise nicken, im Vertrauen auf die Ordnung der Zeit, auf die Kontinuität der Generationen, die sich von Hand zu Hand fortsetzte.

„Komm, Herr Jesus, sei du unser Gast und segne, was du uns bescheret hast.“ Valentin Adolf sprach das Tischgebet. Der Ton war leise, aber er ordnete alles. Die Kinder falteten die Hände, die Köpfe senkten sich. Für einen Moment herrschte Stille, nur das Knistern des Feuers und das Ticken der Wanduhr waren zu hören.

Dann begann das Frühstück. Der Alltag entfaltete sich in vertrauten Bahnen. Karl reichte die Becher, Elise schob Maria die kleine Tasse zu. Mathilde schöpfte die Grütze in die Teller. Lina wischte einen Tropfen Milch am Tischrand fort, ihre Bewegungen flink und unauffällig. Die mütterlichen Ermahnungen waren kurz und präzise, die sanfte Disziplin des Alltags, die den Rahmen setzte: „Karl, ruhiger.“ – „Elise, die kleine Tasse.“ – „Adolf, der Löffel bleibt im Teller.“ – „Christoph, jauchzen ja, schütten nein.“

„Karl“, sagte Valentin Adolf Herfurth nach dem ersten Löffel Grütze, seine Stimme ruhig und bestimmt. Er blickte seinen ältesten Sohn an. „Heute ist dein erster Tag in der Sexta. Ein wichtiger Schritt. Um acht beginnt die Stunde.“ Es war ein Übergang, der den Ernst des Lebens ankündigte – der Eintritt ins Gymnasium, der Beginn einer neuen Phase von Bildung und Verantwortung. Mathilde legte ihrem Sohn ruhig die Hand auf die Schulter, spürte die Anspannung unter dem dünnen Stoff seines Hemdes, ein leises Zittern, das mehr Erwartung als Angst war.

„Ich bringe dich um Viertel vor acht bis zum Schultor. Wir gehen pünktlich los.“ Sie wandte sich ihm zu. „Hast du alles beisammen? Schiefertafel, Griffel, Schwämmchen – alles im Beutel?“ Karl nickte ernst und rückte seine Kappe zurecht, die er schon am Frühstückstisch trug – ein sichtbares Zeichen seiner neuen Rolle als Gymnasiast. „Jawohl, Vater.“

„Dann gilt, was auch für uns gilt“, sagte der Vater leise; sein Blick ruhte auf seinem Sohn, prüfend und liebevoll zugleich. „Ruhig atmen, ordentlich stehen, sauber schreiben. Haltung bewahren, auch wenn es schwierig wird. Der Rest findet sich.“ Es waren die Grundsätze, nach denen er selbst lebte und die er seinen Kindern weitergeben wollte – die Essenz seiner Lebensphilosophie, verdichtet in wenigen Sätzen.

Nach oben scrollen