Private Sammlung historischer Bilder & Erinnerungen aus der VG Birkenfeld Schrift

Sängervereinigung Birkenfeld 1856 e.V.

Titel: 170 Jahre Sängervereinigung Birkenfeld — ein Verein, der immer noch singt

Kategorie: Geschichte & Vereine

Autor: Wolfgang Herfurth

Der Vorstand

Mein Urgroßvater Valentin Adolf Herfurth kam 1875 als junger Gymnasiallehrer nach Birkenfeld. Er war Dirigent der Liedertafel, Ehrendirigent des Liederkranzes — beider Gesangvereine, die die Stadt damals hatte. Gleichzeitig Vorsitzender des Turnvereins, Hauptmann der Feuerwehr, Organist der evangelischen Kirche. Man könnte sagen: Er war überall. Und er war es gerne.

Das erzähle ich nicht, um von meiner Familie zu reden. Sondern weil es zeigt, was dieser Verein schon immer war: kein Hobby-Zirkel am Stadtrand, sondern ein Stück Birkenfelder Leben — mitten drin, seit 170 Jahren.

1856 — ein schwäbischer Lehrer trommelt Birkenfeld zusammen

Am 5. Dezember 1855 veröffentlichte Friedrich Bäuchle, Lehrer aus dem Schwabenland, einen Aufruf. Er wollte einen Gesangverein gründen — für „jeden unbescholtenen Jüngling und jedes unbescholtene Mädchen“. Frauen und Männer gemeinsam, in der Mitte des 19. Jahrhunderts: Das war keine Selbstverständlichkeit. Im Januar 1856 hatten sich schon siebzig junge Leute angemeldet. Am 9. Januar 1856 begann der Gesangverein Liederkranz Birkenfeld seine Arbeit.

Das erste Konzert fand an Karfreitag 1856 statt — im damaligen Goldschmiedchen-Saal an der Ecke Achtstraße/Schneewiesenstraße, wo heute die Bäckerei Zwetsch steht. Wer dort heute sein Brot kauft, steht auf historischem Boden.

Zwei Vereine, eine Stadt — und ein langer Weg zueinander

Birkenfeld hatte damals kaum zweitausend Einwohner. Und dennoch zwei Gesangvereine, die sich jahrzehntelang sportlichen Wettbewerb lieferten: der Liederkranz von 1856 und die Liedertafel von 1872, gegründet von Lehrer Julius Schunck. Mein Urgroßvater Herfurth hat beide geleitet — das sagt viel über seinen Charakter, aber auch über den Charakter dieser Stadt.

1899 trug die Liedertafel beim Bundeswettsingen in Trier die goldene Medaille davon. Pfingsten 1906 richteten beide Vereine gemeinsam das große III. Bundeswettsingen aus — mit Chören aus dem ganzen Naheland, eigens gedrucktem Festprogramm und kühlem Bier aus der Felsenkellerbrauerei. Birkenfeld war an jenem Wochenende Mittelpunkt des deutschen Chorlebens.

Dann kam der Erste Weltkrieg. Viele Sänger kehrten nicht zurück. Beide Vereine hörten auf zu existieren. 1920 begann ein Neubeginn, der sich 1950 vollendete: Als die Sängervereinigung Birkenfeld aus der Taufe gehoben wurde, zählte sie bereits 90 aktive Sänger. 1957 erhielt sie in Köln aus der Hand des Bundespräsidenten die Zelter-Plakette — die höchste Auszeichnung, die einem deutschen Gesangverein zuteilwerden kann.

Ein Verein am Abgrund — und wie er gerettet wurde

Die 1960er Jahre brachten den tiefsten Einbruch der Vereinsgeschichte: Die Zahl der aktiven Sänger sank von einstmals hundert auf zeitweise kaum dreißig. 1973 standen nur noch fünfundzwanzig Stimmen in der Probe. Da kam Wolfgang Giebel aus Abentheuer — zunächst für sechs bis acht Wochen als Aushilfe. Er blieb über dreißig Jahre. Aus fünfundzwanzig Sängern wurden bald mehr als fünfzig. Der Verein war zurück.

Fastnacht — die andere Bühne

Wer glaubt, ein Gesangverein singe nur im Konzertfrack, kennt die Birkefella Pänz nicht. Im Herbst 1980 taten sich einige Sänger des Männerchores zusammen — mit dem erklärten Ziel, auf der Kappensitzung 1981 politisch Fastnacht zu machen. Sechs Männer am Anfang, fünfzehn auf dem Höhepunkt, fast vierundzwanzig Jahre Birkenfelder Sängerfastnacht. Herbert Schweig schrieb die Texte — spitzzüngig, aktuell, mit Substanz. Helmut Weirich arrangierte die Musik. Was dabei entstand, wurde zum Kult: der „Schluckspecht-Boogie“, „Das Schnuckelche“ — Stücke, nach denen das Publikum verlangte und die am Ende keiner Kappensitzung fehlen durften.

Und dann war da Edmund Forster, Gründungsmitglied der Pänz. Bei der Sängerfastnacht 1989 lief er mit knapp achtzig Jahren als Fackelträger durch die Turnhalle — auf dem Trikot die Aufschrift: „Jugend trainiert für Olympia“. Wer so in einen Abend geht, hat den Geist des Vereins nicht nur verstanden. Er hat ihn verkörpert.

Seit 2005 genießen die Birkefella Pänz den wohlverdienten Ruhestand. Aber sie treffen sich noch heute — jeden Monat zum Gesangsabend im Tierpark Schönewald. Manche Dinge hören einfach nicht auf.

Singen am Brunnen — eine neue Tradition

Nach dem Tod Wolfgang Giebels 2006 übernahm Helmut Weirich den Männerchor — und leitet ihn bis heute. Über vierzig Jahre insgesamt im Dienst dieses Vereins, als Chorleiter, Arrangeur, Komponist und, wenn es sein muss, auch als Gitarrist. Im Frühjahr 2025 erhielt er dafür den Förderpreis für Kunst und Kultur der Stadt Birkenfeld. Verdient.

Was die Corona-Pandemie erzwungen hat, ist längst zur festen Einrichtung geworden. Statt auf Publikum in Konzerthallen zu warten, geht der Männerchor dorthin, wo die Menschen sind: auf Dorfplätze, an Brunnen, mitten in die Gemeinden. „Bronnebotza“ nennt sich das Format — und wer einmal dabei war, versteht sofort, warum es sich gehalten hat. Keine Bühne, kein Abstand, keine Eintrittspreise. Nur Stimmen, ein Brunnen und ein Lied.

Im Sommer 2026 führt die Tour den Chor durch die ganze Verbandsgemeinde: Hoppstädten, Siesbach, Rinzenberg, Schmißberg — und weitere Stationen. Wer die Ankündigungen im Blick behält, sollte eine Gelegenheit finden, dabei zu sein.

170 Jahre — und immer noch mittendrin

Ein Verein, der 1856 von einem zugereisten Schwaben gegründet wurde, zwei Weltkriege überlebt hat, 1973 fast gestorben wäre, zwanzig Jahre lang die Birkenfelder Fastnacht geprägt hat und heute an Brunnen in Dörfern singt — das ist keine bloße Vereinsgeschichte. Das ist Birkenfeld.


Sängervereinigung Birkenfeld 1856 e.V. · Männerchor: montags 18–20 Uhr · BIRDIEs (gemischter Chor): mittwochs 19–21 Uhr · Alte Schule, Am Kirchplatz 55765 Birkenfeld · Kontakt: Stefan Schuch, Achtstraße 23, Tel. 06782/2330